Spiel doch mit den Schmuddelkindern: Was man mit dem Passiv machen kann

Das Passiv gilt im Deutschen als stilistisches Schmuddelkind. Dabei wird es so häufig verwendet, dass es uns oft gar nicht auffällt. In „Der Deutschunterricht“ (4/25) zeigt Ulrike Freywald, wie die Wahl des Passivs zur Perspektivierung eines Sachverhalts beiträgt – und was man damit über Sprache lernen kann.

Gut über das Passiv (und andere grammatische Phänomene) nachdenken kann man, indem man es mit Formulierungsalternativen vergleicht. (Detailliertes zu dieser einfachen, aber effektiven Lehrstrategie hier.) Drei für Schülerinnen und Schüler besonders interessante Verwendungsweisen aus dem Beitrag von Freywald (2025) stellen wir hier vor.

1. Verantwortliche ungenannt lassen

Diese Verwendungsweise ist allen Lehrkräften bekannt, wenn es um das Berichten geht: Kennen wir den Täter noch nicht, dann können wir das Tatgeschehen im Passiv darstellen („Am Mittwoch wurde in die Bank eingebrochen“). Das geht grundsätzlich auch in politischen Kontexten. Freywald (2025) führt einen Beleg aus dem Deutschlandfunk von 2014 an:

Moscheen, Tempel und altehrwürdige Gebäude wurden zerstört, darunter einige Stätten, die Unesco-Weltkulturerbe sind.

Durch das Passiv wirken die Taten weniger menschengemacht und weniger grausam. Deutlich wird das vor allem, wenn wir den Beleg im Selbsttest ins Aktiv überführen und Täter nennen.

2. Höflich formulieren

Das Passiv eröffnet uns die Möglichkeit, den Empfänger bzw. die Empfängerin einer Nachricht nicht direkt zu adressieren. Auf eine typische Situation treffen wir im Café oder in der Eisdiele. Dort kann der Kellner fragen:

Brauchen Sie Ihren Teller noch?

oder aber:

Wird der Teller noch gebraucht?

In der Höflichkeitsforschung wird diese Variante als eine Variante der „Depersonalisierung“ bezeichnet. Sie ermöglicht es der adressierten Person, sich weniger direkt angesprochen zu fühlen. Werden wir in einer solchen Situation direkt angesprochen, könnten wir das auch als Vorwurf deuten. Mit dem Passiv wird das vermieden.

3. Sich geschlechtsneutral ausdrücken

Geschlechtsneutrale Sprache ist ein Aufreger-Thema, in einigen Bundesländern sind bestimmte geschlechtsneutrale Ausdrucksweisen sogar verboten. Mit dem Passiv eröffnet sich die Möglichkeit, sie – zumindest an einigen Stellen in einem Text – zu umgehen. Ein schönes Beispiel entnimmt Freywald einem Leitfaden der Hochschule Emden-Leer. Dort wird vorgeschlagen, statt

Die Teilnehmer erhalten nach dem Seminar ein Zertifikat.

die Variante

Nach der Teilnahme an dem Seminar wird ein Zertifikat ausgestellt.

zu wählen.

Fazit: Durch vergleichendes, kontrastives Arbeiten mit dem Passiv können Schülerinnen und Schüler selbst erörtern, wie sich die Perspektive der Darstellung verändert – und welche Wirkung das hinterlässt. Zugleich kann diese präzise Herangehensweise den Blick darauf schärfen, dass selbst kleine grammatische Nuancierungen die Perspektive auf einen Sachverhalt verschieben können.

Michael Rödel

Literaturhinweis:
Ulrike Freywald (2025): „Bitte nicht stören! Hier wird unterrichtet!“ Passivkonstruktionen und Agensverschleierung. In Der Deutschunterricht 4/25, S. 8-18.


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